Die Pioniere in der Au
Bereits 1936/37 machten die ersten “Fußballnarren” in Neumarkt auf sich aufmerksam. Hans Sollböck, damals Zahnarzt in Neumarkt, und Hans Weinberger (Konditor) waren jene Pioniere, die erstmals eine kleine Gruppe “Fuaspackler” um sich scharten. Dabei wurde Zahnarzt Sollböck besonders bestaunt, war er doch einziger und stolzer Besitzer von “richtigen” Fußballschuhen. Die bescheidenen Anfänge dieser Zeit erhielten 1938, im Jahr des Umbruchs, plötzlich größere Bedeutung. Flink wie Wiesel – zäh wie Leder – hart wie Kruppstahl waren Schlagworte jener Zeit, die besonders bei der heranwachsenden Jugend ihre Wirkung nicht verfehlten. Voll Idealismus und wohlorganisiert begann man mit der Errichtung der ersten “Fußballgstetten”. Zwischen Laaben und Ybbsfluß östlich der Verbindungsstraße Neumarkt – Köchling, schien ein geeigneter Platz gefunden. Unter HJ-Führung wurde die benötigte Fläche gerodet, und durch den benachbarten Autobahnbau standen sogar Baumaschinen zur Einebnung des Platzes in Aussicht. Eine Gründung von Sport- und Fußballverein schien kurz bevorzustehen. Mitten in diese Vorbereitungen fiel der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges und die Schrecken der darauffolgenden Jahre ließen den Fußball vergessen. Doch bereits kurz nach Kriegsende fanden sich weiderum eine Handvoll Betreiber des “einzigen Sports” zusammen. Die Brüder Theo, Fritz und Helmut Waltenberger, Ludwig Schittengruber, August Fluch (Angestellter bei Jenisch), Alois Tischberger, Ignaz Buchinger, Rudolf und Leopold Pfeiffer gehörten zum Stamm jener, welche die ersten Gedanken in Richtung Vereinsgründung ausbrüteten. Walter Englbrecht wurde von dieser Gruppe als “Non playing captain” und Fußballexperte angeheuert. Schließlich gelang es, mit dem Gastwirt und Viehändler Josef Jenisch noch einen Mann für den Fußball zu gewinnen, der die wirtschaftlichen Voraussetzungen mitbrachte, eine Vereinsgründung ins Auge zu fassen. Mit Baumeister Aichmayer, Walter Anders und Tischlermeister Sitz gewann man weitere gewerbetreibende Fußballfreunde. Nach langwierigen Vorgesprächen kam es am 30.8.1947 im Gasthaus Weinberger (Pächter im Haus Jenisch) zur Gründungsversammlung. Der Sportverein war geboren. Josef Jenisch und Walter Anders führten den Vorsitz bei dieser Gründungsversammlung, wo der erste Vereinsvorstand gewählt wurde.
Präsident: Josef Jenisch sen.
Obmann: Walter Anders
Schriftführer: Ludwig Schittengruber
Kassier: Theo Waltenberger
Sektionsleiter: Walter Englbrecht
Jugendleiter: Walter Englbrecht, Theo Waltenberger
Einige Zeit vor dieser Gründungsversammlung war man bereits auf der Suche nach einem geeigneten Fußballfeld. Zwischen Laaben und Autobahn, oberhalb der Kalkofendurchfahrt, konnte nach schwierigen Verhandlungen ein Pachtgrundstück ergatter werden. Die Witzenleitnerwiese (Besitzer Witzenleitner, Langeder, Steinkellner) war für die nächsten zehn Jahre Kampfarena des SV Neumarkt.
Nun lag es an den Spielern und Funktionären, die bucklige Wiese in ein geeignetes Spielfeld zu verwandeln. Erstmals wurde Geld benötigt. Bei der Gemeindevertretung stieß man damals noch auf taube Ohren, und da die junge Vereinskasse gähnende Leere aufwies, entschloß man sich zu einer ersten “Schnorraktion”. Wider Erwarten – ein Großteil der Bevölkerung quittierte den Begriff Fußball mit einem leichten Tippen des Zeigefingers an die Stirn – zeigten sich die Neumarkter spendabel. Unter dem Titel Gründungsbeitrag durch Sammlung entstand die erste Eintragung in das von Kassier Gerersdorfer penibel geführte Kassabuch. Mit der Anlegung dieses Kassabuches war auch das “Wirtschaftsunternehmen” Sportverein Neumarkt gegründet.
| Kassabuch | |||
| Datum | Text | Eingang | Ausgang |
| 30.08.1947 | Gründungsbeitrag durch Sammlung | € 416,20 | |
| 30.08.1947 | Pachtzins an Sophie u. Josef Langeder | € 58,14 | |
| 19.09.1947 | Pachtzins an Witzenleitner | € 72,67 | |
| 19.09.1947 | Pachtzins an Steinkellner | € 36,34 | |
| 16.09.1947 | Regie für Arbeiten am Sporplatz | € 1,45 | |
| 19.09.1947 | für Fußball, Herrn Theodor Waltenberger | € 7,27 | |
| 20.09.1947 | Ludwig Schittengruber für Petroleum, Sportplatz | € 2,47 | |
| 18.09.1947 | Gebühr für Spendenüberweisung Gemeinde | € 0,22 | |
| 18.09.1947 | Lagerhaus Neumarkt für Grassamen | € 5,09 | |
| 02.09.1947 | für Kassenbuch, Haider Wien | € 1,31 | |
| 02.09.1947 | Stempel, Stempelkissen Farbe | € 1,37 | |
| 10.09.1947 | Buchdruckerei Wedl für Briefpapier | € 4,43 | |
| 23.09.1947 | Neumarkter Holzverwertung für Most | € 4,69 | |
| 09.10.1947 | Wedl Melk für Briefumschläge | € 2,07 | |
| 24.10.1947 | Eisenwaren der Fa. Januschkowetz | € 7,15 | |
| 07.11.1947 | Oberleitner für Torstangen | € 12,72 | |
| 20.08.1947 | für eingeschriebenen Brief (BH) | € 0,04 | |
| 07.09.1947 | für eingeschriebenen Brief (BH) | € 0,04 | |
Bereits fünf Monate nach der Gründungsversammlung machten die damaligen politischen Verhältnisse – Ämter und Behörden unterstanden den sowjetischen Besatzern – dem Vereinsvorstand Schwierigkeiten. Die Bezirkshauptmannschaft Melk als zuständige Vereinsbehörde untersagte dem SV die Betätigung, da auf der vorgelegten Funktionärsliste Personen mit
“brauner Vergangenheit” aufschienen. Eine neue Vollversammlung war notwendig, und am 3.2.1948 wrude somit der erste “rechtskräftige” Vereinsvorstand gewählt.
Inzwischen liefen die Arbeiten im “Au-Stadion” auf Hochtouren. Zum Einebnen des Platzes wurde Material von der naheliegenden Autobahn “organisiert”. Torpfosten und einen Holzbaracke erstand man von der Firma Oberleitner. Die Firma Kubicek (heute Fa. Kirchner) stellte Lastwagen und Traktor zur Verfügung. Aus Vorkriegsbeständen konnte Hans Weinberger ein Tornetz herüberretten. Von Herrn Klinger aus Karlsbach erwarb man ein Tarnnetz aus Wehrmachtsbeständen, welches in mühevoller Kleinarbeit zu einem Tornetz “umgehäkelt” wurde.
Nun galt es, die Fußballer einzukleiden, denn die damals obligate Dress – Ruderleiber und Glatthose – schien einigen Profis der Kampfmannschaft nicht standesgemäß. Für Jugend und Reserve hingegen mußte die “Glatte” noch einige Jahre herhalten. Die Fahnenfabrik, Am Hof in Wien, lieferte die ersten schicken Fußballgewänder, doch bald erwies sich der Fahnenstoff als untauglich. Die flattrigen Dressen lösten sich nach wenigen Spielen in ihre Bestandteile auf. Der Erwerb der zweiten Dressengarnitur kam auf recht abenteuerliche Art zustande. Josef Jenisch, August Fluch und Bruno Weinberger waren dabei die Drahtzieher. Pepi Smistik, Spieler der damaligen Rapid-Elf, war ebenso wie Jenisch und Fluch im Viehhandel üblich, wurde per Handschlag ein “Geschäft” gemacht. Bei der Rückfahrt von einem Auswärtsspiel gastierte die Rapid-Elf im Gasthaus Weinberger, schlug sich die Bäuche voll und vergaß zu bezahlen. Natürlich vergaßen die Mannen um Smistik und Bimbo Binder auch ihren Dressenkoffer, womit der Handel gelaufen war. Mag es so manchen Violetten noch so schmerzen, ab diesem Zeitpunkt waren Grün und Weiß die Vereinsfarben des SV Neumarkt.
Die karge Zeit nach dem Krieg erschwerte natürlich auch die Anschaffung von Fußballschuhen. Die Schuhgeschäfte Gerersdorfer und Schmitz stellten zwar welche her, doch die Feinspitze der damaligen Kicker ware mit diesen “Goisern” kaum zufrieden. Einige deckten sich in zwielichtigen Winer Lokalen “unterm Tisch” mit professioneller Ausrüstung ein.
Das erste offizielle Antreten der Mannschaft erfolgte 1948 beim Osterturnier in Blindenmarkt. Sensationell wurde der zweite Platz errungen. Mit dem damals üblichen, stark offensiv orientierten 2-3-5 System feierte folgende Mannschaft die ersten Erfolge:
Ludwig SCHITTENGRUBER, Johann WEINBERGER -
Rudolf PFEIFFER, Josef ROGNER, Helmut WALTENBERGER -
Leopold PFEIFFER, Bert WÖGER, Fritz WALTENBERGER, Franz DÜRER, Walter HOLZER
Im Frühjahr und Sommer 1948 erfolgte die gewissenhafte Vorbereitung auf die erste Meisterschaft. 21 Freundschaftsspiele und viele harte Trainingseinheiten sollte die Mannschaft für die im Herbst beginnende Punktejagd auf Vordermann bringen.
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